Sonntag, 12. August 2012

Der Standhafte Zinsoldat- Teil 1


 Tränen fallen vom Himmerl herab


Draußen regnete es. Ich sah durch die Glasscheibe wie tausende Tropfen nach unten auf den Boden fielen.  Sie erinnerten mich an meine eigenen Tränen, die ich die letzten Tage vergossen habe.  Die salzigen Tränen, die meine Wange runter liefen und die ich versuchte mit dem Mund aufzufangen, damit ein Meer entstand.
Eine Weile stand ich da und beobachtete, wie sich Pfützen füllten. Kleine Meere. Und mit jedem Tropfen wurden sie größer.
Ich öffnete die Terrassentür und trat hinaus in den Regen.  Hinaus in den Strom.
Tränen von Oben berührten meine Wange und drangen in meine Kleidung. Ich spürte nicht die Kälte, die mich zittern ließ, nicht die kleinen Stiche, als die Tränen auf mich prasselten. Ich bemerkte nur, wie all das Wasser sich in mir sammelte. In meinem T-Shirt, meinen Schuhen. Und dann drangen sie plötzlich auch in meine Haut. Der Regen durchfloss mich und ich wurde schwerer. Die Tropfen zogen mich nach unten, ich brach zusammen.
Tropfen (oder waren es Tränen?) überfluteten mich und nahmen all die Erinnerungen, Gedanken mit sich in mein Bewusstsein. Gedanken, die ich jeden Tag versuchte zu verdrängen.
Das Wasser sammelte sich in mir, und dann brach etwas in mir, wie ein Damm. Es erschütterte mich, doch ich wusste nicht, was es war. Ich rollte mich zusammen und ließ es einfach zu.

Ich stand vor dem Krankenhaus. Seine Fassaden waren weiß. Die reinste Farbe zum Schutz vor den dunklen Krankheiten. Die Wolken der Hoffnung. Doch scharfe Konturen und eckige Blöcke ließen sie bleiben. Standhaftigkeit. Keine Ausschmückungen, Verzierungen oder verschnörkelte Muster. Schlichtheit. Ein Konzept, dass eingehalten wird, von dem man nicht abweicht. Nie.
Erst jetzt bemerkte ich das alles. Vielleicht war das ja eine weitere Nebenwirkung. Seit genau drei Wochen, nahm ich die Welt so wahr.
Denn vor drei Wochen war ich da drin. Genau genommen war ich in einem schlichten einfachen Patientenzimmer. Nach zahlreichen Schwächeanfällen, Schweißausbrüchen in der Nacht, Fieber und einer Mandelentzündung meinte meine Mutter ich sollte mich untersuchen lassen. Also saß ich da, auf dem Bett und wippte unruhig mit den Beinen hin und her. Meine Mutter und ich warteten auf die Ärztin. Sie war eine junge blonde Frau, die täglich mindestens 3 Stunden für ihr Aussehen in Anspruch nehmen musste. Als sie endlich in den Raum kam, hatte sie unter ihrem Ärztekittel ein völlig unpassendes blaues Cocktailkleid an. Sie wirkte bedrückt, als täte ihr das, was jetzt kommt, furchtbar leid, jedoch reichte dieser Ausdruck nicht bis in ihre Augen. Ihr Mitleid war unverkennbar gespielt, trotzdem ließ es ein unwohles Gefühl in meiner Magengrube bewirken.
„Flora, ich habe leider schlechte Nachrichten für Sie.“, fing sie an.,  „Wir haben ihr Blutbild untersucht und sind auf eine Erkrankung der Myelopoese gestoßen. Daraufhin haben wir das Blutbild mit ihrem Knochenmark verglichen. Dort haben wir leider einen Anteil unreifer Blasten von 40 % gefunden. Wir …“
„Bitte kommen Sie zum Punkt. Was habe ich?“ unterbrach ich sie. Ich konnte nicht stundenlang mit anhören, von was sie da schwafelt. Ich verstand es eh nicht. Ich wollte es einfach nur wissen. Endlich wissen, was ich hatte. Seit zwei Wochen quälte ich mich mit irgendwelchen Symptomen herum.
Sie seufzte, legte meine Krankenakte weg und sah mir fest in die Augen. „Sie haben akute myeloische Leukämie. Blutkrebs“. Damit war ich erst einmal still.
Das eine Wort schwebte mir nun jeden verdammten Tag durch den Kopf. Es war wie ein Fluch. Nein, es war ein Virus. Es schlich immer wieder in mein Bewusstsein und verseuchte all meine Gedanken. Ich konnte nicht essen ohne daran zu denken, nicht lesen und schlafen ging schon gar nicht. Ich dachte bei allem daran, weil die Krankheit mich bei allem verfolgte. Nun stand ich also vor dem einen Gebäude. Ich musste hineingehen. Ich wollte nur noch einen Moment den Anblick in mir speichern. Mein letzter Hoffnungsschimmer. Doch dann ging ich hinein, während der Wind meine Haare aus dem Gesicht wehte. 



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